Vorwärts, du junge Garde des Proletariats!
Die Zeit zwischen 1894 und 1918
Die Anfänge
Erste
sozialdemokratische Jugendorganisationen gab es bereits vor 1906. Die
erste aktenkundig gewordene Jugendgruppe in der Schweiz sind die 1894
in Luzern gegründeten „Jungsozialisten“. Zwei Jahre später entstanden
in Basel und Bern ähnliche Vereinigungen, welche jedoch aus
Mitgliedermangel bald wieder eingingen. Am 25. März 1900 gründeten in
Zürich einige junge Männer mit Hilfe von Pfarrer Paul Pflüger –
SP-Mitglied und späterem Zürcher Stadtrat – die „Vereinigung
gleichgesinnter Arbeiterjünglinge zum Zwecke der Belehrung und der
Freundschaft“, kurz „Jungburschen“. Die Organisation wuchs rasch und
richtete bald eine Bibliothek sowie einen Lesesaal ein.
Jungsozialisten organisieren sich schweizweit
1906
formierten sich die Jungsozialisten zum „Verband schweizerischer
Jungburschen“. Seit hundert Jahren gibt es in der Schweiz eine
Jugendorganisation, die sich den Kampf für den demokratischen
Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hat. Kurz nach ihrer Gründung
trat die Organisation auch der sozialistischen Jugendinternationale
bei, der internationalen Dachorganisation aller sozialistischen
Jugendorganisationen. Bis 1909 gründeten die Jungburschen an vielen
Orten der Deutschschweiz Sektionen – allein im Raum Zürich existierten
mehrere Gruppen, so beispielsweise in Oerlikon, Seebach und Wipkingen.
Eines
der wichtigsten Ziele der Organisation war die Bildung ihrer
Mitglieder. Wie wir gesehen haben, wurden dazu eigene Bibliotheken
eingerichtet. Daneben fanden Wanderungen, Führungen (in Sternwarten,
Wasserwerken, Museen, ja sogar in Schlachthöfen) sowie gesellige
Anlässe statt. Schon früh kämpften die Jungburschen für einen besseren
Lehrlingsschutz und gegen den Militarismus.
Willi Münzenberg: Ein ehemaliger Jungsozialist stirbt eines ungeklärten Todes
Münzenberg
war eine zentrale Figur nicht nur der sozialdemokratischen
Jugendbewegung der Schweiz, sondern auch der internationalen
sozialistischen Bewegung. 1889 in Erfurt geboren, verlor er schon jung
aufgrund seines politischen Engagements die Stelle und kam in die
Schweiz. Als die Jungsozialisten 1913 ein eidgenössisches Sekretariat
einrichteten, wurde Münzenberg zum Sekretär gewählt. Er stand in
Kontakt zu Lenin und anderen Bolschewiki. Ende des Ersten Weltkrieges
wurde Münzenberg als Ausländer interniert und nach der
Novemberrevolution 1918 nach Deutschland abgeschoben, wo er dem
Spartakusbund und später der Kommunistischen Partei beitrat. Auch an
der Gründung der kommunistischen Jugendinternationale war er beteiligt.
Obwohl kein linientreuer Kommunist, akzeptierte er die Vorgaben der
Sowjetunion – bis er sich in den dreissiger Jahren von den Kommunisten
distanzierte. 1937 wurde er aus der KPD ausgeschlossen. Er floh vor den
Nationalsozialisten nach Frankreich, wo er verschwand und im Sommer
1940 tot aufgefunden wurde. Die genauen Umstände seines Todes blieben
ungeklärt – viele vermuten einen Racheakt der Kommunisten.
Gute Stimmung im Pockenhüsli In der Stadt Zürich waren die Jungburschen
im sogenannten „Pockenhüsli“ in Aussersihl zuhause. Dieses Haus wurde
vor dem Ersten Weltkrieg zu einem Treffpunkt politischer Emigranten,
die in den Jungsozialisten dankbare Zuhörer fanden. In den Jahren um
1910 stand die Jugendorganisation vor allem in Zürich unter
anarchistischem Einfluss – zu nennen sei hier nur der Name Fritz
Brupbacher. Wo es Krawall und Aktion gab, waren die Jungburschen mit
dabei. Ab 1911 wurden endlich auch Mädchen zugelassen, und die
Organisation änderte ihren Namen in „Sozialdemokratische
Jugendorganisation der Schweiz“.
Während der Kriegszeit arbeiteten
die JungsozialistInnen eng mit Leonhard Ragaz zusammen. Ragaz war eine
wichtige Figur des religiös-sozialistischen Flügels der
sozialdemokratischen Partei, überzeugter Pazifist und deshalb
erbitterter Gegner des Militarismus. Kein Zufall, teilt die JUSO in
Zürich auch heute wieder die Lokalitäten mit verschiedenen
friedenspolitischen Organisation im Haus der Familie Ragaz.
Einige Zahlen und Fakten
1913
zählte die sozialistische Jugendorganisation 750 Mitglieder. Von Jahr
zu Jahr konnten mehr Jugendliche gewonnen werden. 1917 wurden 5000
JungsozialistInnen gezählt, davon etwa ein Fünftel Mädchen. Diese Zahl
ist nicht ganz unumstritten, aber dennoch eindrücklich. 1917
existierten in der ganzen Schweiz über 150 Sektionen, davon waren
jedoch nur ungefähr ein Zehntel in der Westschweiz angesiedelt. Der
Zentralvorstand, die damalige Geschäftsleitung, umfasste elf
Mitglieder, darunter zwei Frauen. Vierzehntäglich erschien die Freie
Jugend, die Zeitung der Jugendorganisation. 1917 gründeten die
JungsozialistInnen eine Genossenschaft, die einen eigenen Verlag und
eine zugehörige Buchhandlung umfasste.
Weder Parteifiliale noch Militärspielerei
Die
sozialistische Jugendbewegung grenzte sich von bürgerlichen und
christlichen Jugendgruppen ab. Ziel war, dass sich die jungen
Arbeiterinnen und Arbeiter den Sozialisten anschlossen. Die
bürgerlichen Jugendgruppen wurden als unselbständig angegriffen.
Insbesondere die katholisch-konservativen und die freisinnigen Vereine
wurden als „Parteifilialen der Alten“ (Nobs 1915) diffamiert. Daneben
kritisierten die JungsozialistInnen regelmässig die Pfadfinder, denen
kindische Militärspielerei vorgeworfen wurde.
Kampf für Achtstundentag und bezahlte Ferien
Die
Jugendbewegung kämpfte für bessere Bedingungen für Lehrlinge und gegen
den Militarismus in der Gesellschaft. Die meisten JungsozialistInnen
waren Lehrlinge oder junge ArbeiterInnen und litten unter den damaligen
Missständen: Lehrlinge wurden als billige Hilfsarbeiter missbraucht und
mussten in Einzelfällen bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten. Die Löhne
waren miserabel, teilweise erhielten die Lehrlinge überhaupt keine
Entschädigung. Schläge, Misshandlungen und Drohungen waren nicht
selten, standen doch die Lehrlinge laut Gesetz unter der „väterlichen
Zucht und Aufsicht“ ihrer Lehrmeister. Die Gewerbeschule musste abends,
zum Teil sogar sonntags besucht werden. Wegen der fehlenden Freizeit
litten die Lehrlinge an Übermüdung, Krankheiten und körperlichen
Schäden. Es gab zwar in einzelnen Kantonen Lehrlingsgesetze, deren
Übertretung hatte aber nur geringe Strafen zur Folge. Die
sozialistische Jugendorganisation legte deshalb einen Entwurf für ein
eidgenössisches Lehrlingsgesetz vor: Achtstundentag, bezahlte Ferien,
endgültige Abschaffung des Lehrgeldes, Verbot körperlicher Züchtigung
sowie von Überzeit, Nacht- und Sonntagsarbeit waren einige der
Forderungen.
Das Verhältnis zur SP
Erst
1910 wurden erste Anstrengungen unternommen, das Verhältnis zwischen
der Partei und den Jugendlichen zu klären. In der SP gab es
verschiedene Auffassungen über den Zweck der Jugendorganisation. Einige
unterstützten die Bedürfnisse der Jugendlichen nach Selbständigkeit.
Denn diese wollten über sich selbst bestimmen. Sie „durften“
Militärdienst leisten, „durften“ sich als billige Arbeitskräfte
ausbeuten lassen – weshalb sollten sie dann nicht politisch aktiv
werden dürfen? Andere wünschten eine gewisse Bevormundung der Jungen
durch die Partei, waren doch Szenen wie die folgende nicht selten:
„Ungeheuren Jubel löste es bei uns Jungburschen aus, als in einer
Unionsversammlung der ‚schweizerische August Bebel’, der Führer der
schweizerischen Sozialdemokraten, Herman Greulich, der langwallende
graue Haare trug, in den Saal schrie: ‚Und wenn schon vor nichts
anderem, so darf ich doch Achtung vor meinen grauen Haaren erwarten!’
worauf ihm prompt ein Jungbursche entgegenrief: ‚Ich habe noch keinen
Esel gesehen, der keine grauen Haare hätte!’“ (Münzenberg 1930).
Trotz
aller Eseleien kam 1913 ein Abkommen zwischen der SP Schweiz, dem
Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) und der sozialistischen
Jugendorganisation zustande. Die Jugendlichen wurden politisch enger an
die beiden Organisationen gebunden, ihr organisatorischer Freiraum
blieb jedoch erhalten. SP und SGB finanzierten die Jugendbewegung mit
einem jährlichen Beitrag, und sie erhielten Vertretungsrecht in den
Gremien. Als Gegenrecht entsandten die beiden je einen
(stimmberechtigten!) Vertreter in den Zentralvorstand der
Jugendorganisation.
Jugend, an die Front der Freiheit! Die Zeit zwischen 1919 und 1945
Die Zwischenkriegszeit
In
Folge der innerlinken Auseinandersetzung während des Ersten Weltkriegs,
als sich zahlreiche Sozialdemokraten auf die Seite ihrer jeweiligen
Regierungen schlugen und den Krieg unterstützten, spaltete sich die
sozialdemokratische Linke ab und gründete kommunistische Parteien. Als
1919 die Kommunistische Jugendinternationale gegründet wurde, erklärte
die sozialdemokratische Jugendorganisation der Schweiz ihren Beitritt.
Die Organisation nahm den Namen Kommunistischer Jugendverband der
Schweiz (KJV) an. 1921 kam es auf schweizerischer Ebene zur
Parteispaltung in SP und KP.
Erst 1922 nahm im Tessin wieder eine
sozialdemokratische Jugendorganisation die Arbeit auf; die „Federazione
Giovanile Socialista Ticinese“. Im italienischsprachigen Landesteil
wurde die Bedrohung durch den aufkommenden italienischen Faschismus
besonders stark empfunden. 1923 wurde die Sozialistische Arbeiterjugend
(SAJ) gegründet. Mitte der 1920er Jahre schloss sich die SAJ mit
anderen linken Jugendorganisationen zur Sozialistischen Jugend der
Schweiz (SJS) zusammen. 1934 hatte die Organisation 2'500 Mitglieder
und gab eine eigene Zeitung heraus, die Rote Jugend.
Arbeiterjugend in Zürich
Die
grösste und aktivste Sektion der SJS war die SAJ Zürich, die Mitte der
1930er Jahre etwa 350 Mitglieder hatte, davon ungefähr ein Drittel
Mädchen. Die SAJ war eine betont proletarische Organisation, deren
Mitgliedschaft aus Lehrlingen, jungen ArbeiterInnen und Schülern
bestand – nicht jedoch aus Studenten. Die damaligen Studierenden
stammten fast ausschliesslich aus besserem Haus und standen politisch
grösstenteils rechts, wenn nicht gar rechtsaussen.
Die SAJ Zürich
gab eine eigene Zeitung heraus, das sprachrohr (später Rote Parole).
Das Verhältnis der Jugendgruppe zur SP, von der sie finanzielle
Unterstützung erhielten, war gut. 1928 hatte die SP die Mehrheit im
Stadt- und Gemeinderat erkämpft, welche sie bis 1938 halten konnte.
Auch die SAJ war stolz auf die Verdienste des sogenannten „Roten
Zürich“, beispielsweise auf die günstigen Wohnungen in den vielen neu
erbauten Genossenschaftssiedlungen. Dennoch führte die
Regierungsbeteilung der SP zu regelmässigen Diskussion über die
„richtige sozialistische Linie“.
Krise und Arbeitslosigkeit
Die
heftige Wirtschaftskrise der 1930er Jahre prägte auch die
Jugendorganisation. Ihr Einsatz galt dem Lehrlingsschutz und dem Kampf
gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit. In der Roten Jugend vom Februar
1931 war damals folgender Bericht zu lesen: „Ich habe im Mai ausgelernt
und bin vom Meister auf die Strasse gesetzt worden, damit er einen
andern Lehrling einstellen konnte. [...] Ich bin arbeitslos! Was soll
ich tun? [...] Endlich kann ich für 14 Tage aushilfsweise arbeiten,
dann bin ich wieder arbeitslos. [...] Ich gehe stempeln und beschäftige
nebenbei zwei Stellenvermittlungen. Endlich kann ich mich in einer Bude
vorstellen. [...] Der Besitzer des Geschäfts sagt: Sie sind zu jung.
Wenn Sie ein oder zwei Jahre Praxis hinter sich haben, können Sie
wieder kommen.“ Viele JungsozialistInnen hofften jedoch, dass die Krise
den Zusammenbruch des Kapitalismus einleiten und dem Sozialismus den
Weg bereiten werde. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt, im Gegenteil:
Faschismus und Krieg überzogen Europa.
Widerstand gegen Faschismus und Fronten
Die
SAJ betrachtete sich als konsequent antimilitaristisch. Der Krieg
diente ihrer Meinung nach ausschliesslich kapitalistischen und
imperialistischen Interessen. Gleichzeitig befürworteten die
sozialistischen Jugendlichen die Landesverteidigung gegen Faschismus
und Nationalsozialismus. Einige der Mitglieder der SAJ gingen nach
Spanien, wo sie in den Internationalen Brigaden gegen die Truppen
Francos kämpften.
In Zürich kam es immer wieder zu Zusammenstössen
zwischen Linken und Frontisten, bei denen auch SAJ-Mitglieder
involviert waren. Die Jugendorganisation besass damals ein eigenes
Ordnercorps zur Schutz ihrer Veranstaltungen. Denn trotz des
sozialdemokratischen Polizeivorstehers stand die Polizei zeitweise auf
Seiten der Rechtsextremen. In ihrer Zeitschrift Sprachrohr schrieben
die JungsozialistInnen im März 1934 dazu: „der stadtrat von zürich
beabsichtigt, ‚unser’ polizeicorps wieder um 40 mann zu verstärken. es
wäre interessant, zu wissen, aus welchen sozialistischen gründen die
rote stadtverwaltung zu diesem entschluss kommt. […] welchen schutz wir
von der polizei zu erwarten haben, sahen wir bei der ersten
fröntlerversammlung in der stadthalle, wo wir von den nazis mit
stahlruten verprügelt wurden, und die polizei nicht eingriff.“ Eng mit
dem Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus verbunden waren
die Bemühungen um eine Einheitsfront: Sozialdemokraten und Kommunisten
sollten sich zusammenschliessen, um gegen den gemeinsamen Feind zu
kämpfen. Leider kam es kaum je zu einem konzertierten Vorgehen, zu
zerstritten waren die beiden Parteien.
Krieg und Militär
Rekrutenschule
und Militärdienst wurden fast ausschliesslich negativ beurteilt. So
hiess es in der Roten Jugend vom August 1928: „Der ganze Dienst ist
[...] eine von Selbsttäuschung und Stumpfsinn strotzende Zwängerei, an
der nur noch eine gewisse Offiziersclique ihre Freude hat.“ 1930 sollte
die Rekrutenschule verlängert werden. Dazu schrieb die Rote Jugend im
April 1930: „Das grauenhafte Erlebnis des Weltkrieges ist diesen
Herrschaften ganz verloren gegangen. Sie haben ja auch keine Not
gespürt. Während diejenigen Menschen, die aus dem furchtbaren
Menschenmorden etwas gelernt haben, nach Frieden und Freiheit sich
sehnen, ihr Gewissen gegen neues Morden sich auflehnt, schreit eine
gewissenlose Offizierskaste und ihr Anhang nach Aufrüstung, nach
Kampfflugzeugen, Gas, Maschinengewehren und nach längerer militärischer
Ausbildung.“ Die Armee wurde immer wieder auch im Innern eingesetzt, so
am 9. November 1932 in Genf, als das Militär in eine Menschenmenge
schoss, die gegen eine faschistische Versammlung protestierte. Es gab
13 Tote und 70 Verwundete. Am Jugendtag der sozialistischen Jugend in
Biel 1933 wurden fast 2'500 Mann gegen 1'500 Jugendliche aufgeboten,
wobei es jedoch zu keinen Zwischenfällen kam.
Gleichberechtigung
Seit
1911 konnten auch Mädchen Mitglieder der sozialistischen Jugend werden.
Das Thema der Gleichberechtigung von Frauen und Männern wurde in der
Jugendbewegung immer wieder rege diskutiert. Doch auch in den 1930er
Jahren war der Weg hin zur gesetzlichen und politischen
Gleichberechtigung noch weit. Die Mädchen kritisierten die „falsche
einstellung der burschen“, ärgerten sich aber auch über mangelnden
eigenen Mut, wie im sprachrohr von August 1934 zu lesen ist: „den
mädels klopft das herz. Sie möchten, ach wie lange schon, an
versammlungen, wenigstens in der diskussion reden können. gar oft
verfluchten sie schon bei sich selbst die ewige angst vor dem
steckenbleiben, und doch wagen sie es nicht. und die burschen reden
immer, als ob es ihnen angeboren wäre.“
Bundesrat verbietet sozialistische Jugend
In
den Jahren von Krise und Faschismus bemühte sich die sozialistische
Jugend um die Aufrechterhaltung der internationalen Beziehungen. Die
Jugendorganisation war Mitglied der sozialistischen
Jugendinternationalen, 1929 nahmen am internationalen Jugendtreffen in
Wien 1929 50'000 JungsozialistInnen aus ganz Europa teil.
In den
Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg näherten sich die Jungsozialisten der
Westschweizer Fédération socialiste suisse an, die den Kommunisten
nahestand und den Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin positiv
beurteilte – ein Pakt, der anderswo in Europa, nicht zuletzt bei der
Linken, Erstaunen und Entsetzen hervorrief. In Zürich scheint die SAJ
Ende der 1930er Jahre die Fusion mit dem kommunistischen Jugendverband
vollzogen zu haben. Die SJS kündigte in Folge die Abkommen mit der SP
Schweiz, worauf die SP mit dem Aufbau einer neuen Jugendorganisation
begann. 1942 wurde die SJS zusammen mit anderen linken und
kommunistischen Gruppierungen vom Bund verboten. Gemäss dem Protokoll
des ordentlichen Parteitags der SP Schweiz vom 4. und 5. September 1943
beeinträchtigte dieses Verbot auch die Arbeit der neuen
SP-Jugendorganisation: „Während mehr als zweieinhalb Jahren war die
schweizerische Arbeiterjugend durch das Verbot einer legalen
Jugendorganisation beraubt.“ Aus den vorhandenen Quellen lässt sich
jedoch schliessen, dass es auch während der ersten Hälfte der vierziger
Jahre mehr oder weniger durchgehend eine sozialdemokratische
Jugendorganisation existierte.
... eine neue, eine sozialistische Schweiz! Die Zeit zwischen 1945 und 1970
Einige Zahlen und Fakten
Wie
wir gesehen haben, gab es auch während des Zweiten Weltkrieges keinen
grösseren Unterbruch in der Arbeit der sozialistischen
Jugendorganisation. Für die Zeit unmittelbar nach dem Krieg ist die
Quellenlage jedoch sehr dünn. Wie den Geschäftsberichten der SP Schweiz
zu entnehmen ist, wurde die Sozialistische Jugend der Schweiz zu Beginn
der 1950er Jahre in „Sozialdemokratische Jugend“ (SDJ) umgetauft.
Niemand wollte sich zu den heissen Zeiten des kalten Krieges vorwerfen
lassen, er stehe nicht fest auf demokratischem Boden.
Die SDJ hatte
in den 1950er Jahren ungefähr 800 bis 1'200 Mitglieder. Sechs- bis
zwölfmal jährlich wurde die Publikation „Neue Schweiz“ herausgegeben.
Wie alle ihrer Vorgängerorganisationen war auch die sozialdemokratische
Jugend international vernetzt: Sie war Mitglied der 1946 neu
gegründeten International Union of Socialist Youth (IUSY), der
Nachfolgeorganisation der Sozialistischen Jugendinternationalen.
Helmut Hubacher über lahme Enten
Helmut
Hubacher, früherer Präsident der SP Schweiz und Alt-Nationalrat, zum
Verhältnis von SP und Jugendorganisation in den 1950er und 60er Jahren:
„Hauptthema war die SP, die wir als lahme Ente einschätzten. Wir hatten
zu ihr eine Art Hass-Liebe, das heisst: viel Kritik und grosse
Anhänglichkeit.“
Wichtigstes Thema
für die SDJ war weiterhin die Situation der Lehrlinge und der
jugendlichen ArbeitnehmerInnen. Die Organisation setzte sich für die
Vierzigstundenwoche sowie für drei Wochen bezahlter Ferien für
Lehrlinge ein. Daneben beschäftigte man der Bildung der Mitglieder und
engagierte sich in den aufkommenden Jugendparlamenten. Die
sozialdemokratischen Jugendlichen kämpften für das Frauenstimmrecht und
kritisierten die Verhältnisse in der Sowjetunion und anderen
Ostblockstaaten. Unterstützungskampagnen für politische Häftlinge wurde
durchgeführt, so beispielsweise für Anna Kéthly, eine verfolge
sozialdemokratische Parlamentarierin aus Ungarn. Daneben schloss die
SDJ sich den Kampagnen der IUSY gegen die Diktatur Francos in Spanien
an.
Von den Jugendparlamenten zur 68er-Bewegung
1961
wurde die Vereinigung Junger Sozialdemokraten (VJS) gegründet. Diese
entstand aus den sozialdemokratischen Fraktionen der Jugendparlamente
und kann als Vorläuferin der heutigen JUSO betrachtet werden. Die VJS
löste, soweit sich dies den Quellen entnehmen lässt, nach und nach die
SDJ als offizielle Jugendorganisation der SP ab. Doch allzu lange
sollte sich die neue Organisation nicht halten können. Alfons Fischer
beschreibt in seiner Geschichte der Jungsozialisten in den
Siebzigerjahren (Bern 1983), wie sich die 68-er-Bewegung an der VJS
vorbei entwickelte: „Mit der Repolitisierung der Jugend seit Mitte der
Sechzigerjahre und hauptsächlich ab 1968 wurde der VJS das
Lebenslichtlein ausgeblasen. Nicht etwa, dass die Organisation
politisch angegriffen worden wären, die (wieder) politische
interessierte Jugend agitierte einfach vollständig an der
SP-Nachwuchsorganisation vorbei […].»
... keine Partei, sondern eine Hoffnung. Die Zeit ab 1971
Neubeginn
Nachdem
die VJS Anfang der 1970er Jahre so gut wie aufgehört hatte zu
existieren, wurde die Organisation 1971 in „Schweizerische
Jungsozialisten“ umbenannt. 1972 wurden der Wiederaufbau der
Organisation und die Klärung des Verhältnisses zur SP Schweiz an die
Hand genommen. Erst Ende der 1970er Jahre wurde der erste
Zentralsekretär fest angestellt; bis dahin waren die
Sekretariatsarbeiten ehrenamtlich verrichtet worden. Dafür gab es von
1971 bis 1983 einen JUSO-Präsidenten. Von 1970 bis 1983 war dies Andi
Gross, heute SP-Nationalrat. Auf Gross folgte ein Co-Präsidium von drei
Personen.
Einige Zahlen und Fakten
Die
Strukturen, die die JUSO heute kennt, stammen grösstenteils aus dem
Jahr 1991, dem „Jahr der neuen JUSO“: Der damalige Vorstand sowie das
Co-Präsidium wurden durch eine Geschäftsleitung ersetzt, welche bereits
damals die Ressorts Medien/Werbung, Internationales, Kontakte mit der
SP Schweiz, Finanzen, Bildung und inländische Kontakte umfasste. Die
damalige Vollversammlung wurde inzwischen von einer
Delegiertenversammlung abgelöst, was in der Praxis jedoch keine grosse
Veränderung mit sich gebracht hat.
Seit ihrer Gründung hatte und hat
die JUSO jeweils zwischen 500 und 1'000 Mitgliedern. Frauen stellen
ungefähr einen Drittel der Mitgliedschaft. Die JUSO finanziert sich vor
allem aus den Beiträgen der SP und Subventionen des Bundes sowie aus
Mitgliederbeiträgen.
Öffentlichkeitsarbeit
Die
JUSO versuchte regelmässig, mit Themen und Positionen an die
Öffentlichkeit zu treten. JUSOs nehmen an Demonstrationen teil,
verteilen Flugblätter oder sammeln Unterschriften für Initiativen und
Petitionen. Wie alle aktiven JUSOs wissen, ist das (mediale) Echo oft
klein, der Elan jedoch ungebrochen. Ein weiteres Element der
JUSO-Öffentlichkeitsarbeit ist die seit 1971 erscheinende Zeitschrift
Infrarot. Die Publikation erschien zweimonatlich und war noch bei
meinem Eintritt in die JUSO 1994 ein relativ umfangreiches, thematisch
relevantes Heft, das auch von Leuten ausserhalb der JUSO gelesen wurde.
In der Zwischenzeit hat das Infrarot das damalige „VV-Info“, mit dem zu
den Vollversammlungen eingeladen wurde, abgelöst und umfasst nur mehr
ein knappes Dutzend Seiten.
Immer wieder: Das Verhältnis zur Mutterpartei
Die
JUSO ist in den Gemeinden, Kantonen sowie auf nationaler Ebene die
offizielle Jugendorganisation der SP. Die JungsozialistInnen sind in
den Gremien der Sozialdemokratischen Partei vertreten und haben Anrecht
auf finanzielle Unterstützung. Doch die Kritik an der Mutterpartei war
auch mit der Neugründung der JUSO 1971 nicht verstummt, im Gegenteil.
Immer wieder kritisierten die JUSOs die Überbewertung der
parlamentarischen Arbeit. So hiess es im JUSO-Rotbuch aus den 1980er
Jahren: „Es ist unserer Meinung nach genauso falsch zu glauben,
Bewegungen allein könnten diese Gesellschaft demokratisch umbauen,
möglicherweise sogar gegen die staatlichen Institutionen, wie es falsch
ist zu glauben, das Vertretensein zum Beispiel in Parlamenten reiche
zur Veränderung dieser Gesellschaft aus.“ In diesem Zusammenhang sind
auch die wiederholten kritischen Stellungnahmen der JUSO zur
Regierungsbeteiligung der SP zu sehen. Nach der Wahl von Christoph
Blocher im Dezember 2003 forderte die JUSO den Austritt der SP aus dem
Bundesrat.
Armeeabschaffung, Lehrstellen und Antirassismus
Bezeichnenderweise
lassen sich die beiden Themen, welche die Arbeit der Jugendorganisation
seit hundert Jahren prägen, auch in der Themenvielfalt ab 1971 als
zentrale Aspekte ausmachen: Nicht erst seit der Rezession der 1990er
Jahre kämpft die JUSO gegen Lehrstellenmangel und
Jugendarbeitslosigkeit. So war die Organisation massgeblich
mitbeteiligt an der Lancierung der Lehrstelleninitiative LIPA, welche
2003 vom Volk verworfen wurde. Jedoch stossen einige der dort
vorgeschlagenen Ideen, beispielsweise die Einrichtung eines
Berufsbildungsfonds, in immer mehr Kantonen auf offene Ohren. Ein
anderes zentrales Thema war und ist der Antimilitarismus. Zu Beginn der
1980er Jahre entstand aus der JUSO heraus die Gruppe für eine Schweiz
ohne Armee, die 1989 mit ihrer Armeeabschaffungsinitiative zwar
Schiffbruch erlitt, jedoch grundlegende Weichen für die Reform und
Verkleinerung der Schweizer Armee stellte. In den 1990er Jahren
unterstützte die JUSO die Initiative „40 Waffenplätze sind genug“ sowie
das Volksbegehren gegen den Kauf neuer Kampfflugzeuge. JUSOs
protestierten gegen den Golfkrieg und gegen die französischen Atomtests
im Südpazifik: „Lieber Champignons als Atompilze!“ war das Motto.
Neben
diesen „grossen“ Themen vertrat die JUSO auch weniger prominente
jugendspezifische Anliegen: 1993 lancierte man die
„Pro-Interrail-Petition“, die dazu beitrug, dass das populäre
Interrail-Angebot für Jugendliche erhalten werden konnte. Ein Thema,
das in Folge der 1968er-Bewegung eine breite Basis fand, war die
Solidarität mit der Dritten Welt. Damit verbunden war der Kampf gegen
Rassismus und Ausgrenzung in der Schweiz. Immer wieder führte die JUSO
Aktionen durch, in denen die Machenschaften internationaler Konzerne
angeprangert und die Ausbeutung der Menschen in den Entwicklungsländern
kritisiert wurden. JungsozialistInnen engagieren sich für das
AusländerInnenstimmrecht, für den Ausbau der Entwicklungshilfe und
gegen die Verschärfungen in der offiziellen Asyl- und Ausländerpolitik.
Auch weitere Themen, so die Gleichstellung der Geschlechter oder der
Umweltschutz, haben seit den 1970er Jahren an Aktualität gewonnen. Die
JUSO kämpfte und kämpft gegen den zunehmenden Verkehr, gegen die
Umweltbelastung und die Verschlechterung der Lebensqualität. 1994 wurde
eine Jahreskampagne unter dem Motto „Rückeroberung von Lebensräumen“
durchgeführt. Unter Mitwirkung von JUSOs wurden Organisationen wie ZAF!
(Zürich autofrei) gegründet, die sich für die Schaffung autofreier
Zonen in den Städten einsetzten. Ein Thema, dass in den JUSO-Unterlagen
erst Ende der 1980er Jahre auftaucht, ist die Europafrage. Die JUSO
sprach sich zwar immer grundsätzlich für einen EU-Beitritt aus, hält
jedoch an ihren kritischen Stellungnahmen zu Struktur und politischer
Entwicklung der EU fest.
Krach in der JUSO
Die
aufgezählte Themenvielfalt und das grosse Spektrum an Aktionsformen
dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der JUSO immer wieder
zu grösseren Meinungsverschiedenheiten kam. Sowohl die Themenwahl als
auch Weg zur Erreichung der gesetzten Ziele waren oft Gegenstand harter
Auseinandersetzungen. So stellte beispielsweise die Lancierung der
Armeeabschaffungsinitiative die JUSO vor eine Zerreissprobe: Die
Differenzen zwischen den einzelnen Sektionen waren gross, und längst
nicht alle Mitglieder befürworteten die Abschaffung der Armee.
Gegen
Mitte der 1990er Jahre verschärfte sich der Konflikt zwischen dem
„reformistischen“ und dem „marxistischen“ Flügel, wie sich die
ExponentInnen selbst bezeichneten. Im Jahresbericht von 1993 heisst es
dazu: „Beide Gruppen arbeiteten und feilten an je einem
Grundsatzpapier, welches ihren Positionen gerecht werden sollte. Die
beiden Papiere wurden an einer Tagung den interessierten JUSOs
vorgestellt und diskutiert. Hintergründe wurden aufgezeigt und nach
Mittelwegen gesucht. Diese zu finden, zeigte sich aber als immer
unwahrscheinlicher.“ An einer ausserordentlichen Jahresversammlung
wurde entschieden, welches der beiden Papiere als Vorlage für das neue
Grundsatzpapier dienen sollte. Die JUSOs entschieden sich klar für das
„reformistische“ Papier, worauf einige Mitglieder der Geschäftsleitung
per sofort zurücktraten. Die Flügelkämpfe flauten daraufhin ab, nicht
jedoch ohne sich ab und zu – auch im neuen Jahrtausend – wieder zu
regen.
Rebekka Wyler, Historikerin, Zürich
Dieser
Artikel erschien im Buch zur 100 Jahr Feier der JUSO Schweiz „100 Jahre
Sozialistische Jugend“ im Verlag der JUSO Schweiz.
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