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Geschichte
Vom Jungburschenverein zur JUSO: 100 Jahre sozialdemokratische Jugendorganisation in der Schweiz Drucken
Geschrieben von Administrator   
Freitag, 23. Januar 2009

Vorwärts, du junge Garde des Proletariats!
Die Zeit zwischen 1894 und 1918

Die Anfänge

Erste sozialdemokratische Jugendorganisationen gab es bereits vor 1906. Die erste aktenkundig gewordene Jugendgruppe in der Schweiz sind die 1894 in Luzern gegründeten „Jungsozialisten“. Zwei Jahre später entstanden in Basel und Bern ähnliche Vereinigungen, welche jedoch aus Mitgliedermangel bald wieder eingingen. Am 25. März 1900 gründeten in Zürich einige junge Männer mit Hilfe von Pfarrer Paul Pflüger – SP-Mitglied und späterem Zürcher Stadtrat – die „Vereinigung gleichgesinnter Arbeiterjünglinge zum Zwecke der Belehrung und der Freundschaft“, kurz „Jungburschen“. Die Organisation wuchs rasch und richtete bald eine Bibliothek sowie einen Lesesaal ein.

Jungsozialisten organisieren sich schweizweit

1906 formierten sich die Jungsozialisten zum „Verband schweizerischer Jungburschen“. Seit hundert Jahren gibt es in der Schweiz eine Jugendorganisation, die sich den Kampf für den demokratischen Sozialismus auf die Fahnen geschrieben hat. Kurz nach ihrer Gründung trat die Organisation auch der sozialistischen Jugendinternationale bei, der internationalen Dachorganisation aller sozialistischen Jugendorganisationen. Bis 1909 gründeten die Jungburschen an vielen Orten der Deutschschweiz Sektionen – allein im Raum Zürich existierten mehrere Gruppen, so beispielsweise in Oerlikon, Seebach und Wipkingen.
Eines der wichtigsten Ziele der Organisation war die Bildung ihrer Mitglieder. Wie wir gesehen haben, wurden dazu eigene Bibliotheken eingerichtet. Daneben fanden Wanderungen, Führungen (in Sternwarten, Wasserwerken, Museen, ja sogar in Schlachthöfen) sowie gesellige Anlässe statt. Schon früh kämpften die Jungburschen für einen besseren Lehrlingsschutz und gegen den Militarismus.

Willi Münzenberg: Ein ehemaliger Jungsozialist stirbt eines ungeklärten Todes
Münzenberg war eine zentrale Figur nicht nur der sozialdemokratischen Jugendbewegung der Schweiz, sondern auch der internationalen sozialistischen Bewegung. 1889 in Erfurt geboren, verlor er schon jung aufgrund seines politischen Engagements die Stelle und kam in die Schweiz. Als die Jungsozialisten 1913 ein eidgenössisches Sekretariat einrichteten, wurde Münzenberg zum Sekretär gewählt. Er stand in Kontakt zu Lenin und anderen Bolschewiki. Ende des Ersten Weltkrieges wurde Münzenberg als Ausländer interniert und nach der Novemberrevolution 1918 nach Deutschland abgeschoben, wo er dem Spartakusbund und später der Kommunistischen Partei beitrat. Auch an der Gründung der kommunistischen Jugendinternationale war er beteiligt. Obwohl kein linientreuer Kommunist, akzeptierte er die Vorgaben der Sowjetunion – bis er sich in den dreissiger Jahren von den Kommunisten distanzierte. 1937 wurde er aus der KPD ausgeschlossen. Er floh vor den Nationalsozialisten nach Frankreich, wo er verschwand und im Sommer 1940 tot aufgefunden wurde. Die genauen Umstände seines Todes blieben ungeklärt – viele vermuten einen Racheakt der Kommunisten.

Gute Stimmung im Pockenhüsli In der Stadt Zürich waren die Jungburschen im sogenannten „Pockenhüsli“ in Aussersihl zuhause. Dieses Haus wurde vor dem Ersten Weltkrieg zu einem Treffpunkt politischer Emigranten, die in den Jungsozialisten dankbare Zuhörer fanden. In den Jahren um 1910 stand die Jugendorganisation vor allem in Zürich unter anarchistischem Einfluss – zu nennen sei hier nur der Name Fritz Brupbacher. Wo es Krawall und Aktion gab, waren die Jungburschen mit dabei. Ab 1911 wurden endlich auch Mädchen zugelassen, und die Organisation änderte ihren Namen in „Sozialdemokratische Jugendorganisation der Schweiz“.
Während der Kriegszeit arbeiteten die JungsozialistInnen eng mit Leonhard Ragaz zusammen. Ragaz war eine wichtige Figur des religiös-sozialistischen Flügels der sozialdemokratischen Partei, überzeugter Pazifist und deshalb erbitterter Gegner des Militarismus. Kein Zufall, teilt die JUSO in Zürich auch heute wieder die Lokalitäten mit verschiedenen friedenspolitischen Organisation im Haus der Familie Ragaz.

Einige Zahlen und Fakten

1913 zählte die sozialistische Jugendorganisation 750 Mitglieder. Von Jahr zu Jahr konnten mehr Jugendliche gewonnen werden. 1917 wurden 5000 JungsozialistInnen gezählt, davon etwa ein Fünftel Mädchen. Diese Zahl ist nicht ganz unumstritten, aber dennoch eindrücklich. 1917 existierten in der ganzen Schweiz über 150 Sektionen, davon waren jedoch nur ungefähr ein Zehntel in der Westschweiz angesiedelt. Der Zentralvorstand, die damalige Geschäftsleitung, umfasste elf Mitglieder, darunter zwei Frauen. Vierzehntäglich erschien die Freie Jugend, die Zeitung der Jugendorganisation. 1917 gründeten die JungsozialistInnen eine Genossenschaft, die einen eigenen Verlag und eine zugehörige Buchhandlung umfasste.

Weder Parteifiliale noch Militärspielerei

Die sozialistische Jugendbewegung grenzte sich von bürgerlichen und christlichen Jugendgruppen ab. Ziel war, dass sich die jungen Arbeiterinnen und Arbeiter den Sozialisten anschlossen. Die bürgerlichen Jugendgruppen wurden als unselbständig angegriffen. Insbesondere die katholisch-konservativen und die freisinnigen Vereine wurden als „Parteifilialen der Alten“ (Nobs 1915) diffamiert. Daneben kritisierten die JungsozialistInnen regelmässig die Pfadfinder, denen kindische Militärspielerei vorgeworfen wurde.

Kampf für Achtstundentag und bezahlte Ferien

Die Jugendbewegung kämpfte für bessere Bedingungen für Lehrlinge und gegen den Militarismus in der Gesellschaft. Die meisten JungsozialistInnen waren Lehrlinge oder junge ArbeiterInnen und litten unter den damaligen Missständen: Lehrlinge wurden als billige Hilfsarbeiter missbraucht und mussten in Einzelfällen bis zu 18 Stunden am Tag arbeiten. Die Löhne waren miserabel, teilweise erhielten die Lehrlinge überhaupt keine Entschädigung. Schläge, Misshandlungen und Drohungen waren nicht selten, standen doch die Lehrlinge laut Gesetz unter der „väterlichen Zucht und Aufsicht“ ihrer Lehrmeister. Die Gewerbeschule musste abends, zum Teil sogar sonntags besucht werden. Wegen der fehlenden Freizeit litten die Lehrlinge an Übermüdung, Krankheiten und körperlichen Schäden. Es gab zwar in einzelnen Kantonen Lehrlingsgesetze, deren Übertretung hatte aber nur geringe Strafen zur Folge. Die sozialistische Jugendorganisation legte deshalb einen Entwurf für ein eidgenössisches Lehrlingsgesetz vor: Achtstundentag, bezahlte Ferien, endgültige Abschaffung des Lehrgeldes, Verbot körperlicher Züchtigung sowie von Überzeit, Nacht- und Sonntagsarbeit waren einige der Forderungen.

Das Verhältnis zur SP

Erst 1910 wurden erste Anstrengungen unternommen, das Verhältnis zwischen der Partei und den Jugendlichen zu klären. In der SP gab es verschiedene Auffassungen über den Zweck der Jugendorganisation. Einige unterstützten die Bedürfnisse der Jugendlichen nach Selbständigkeit. Denn diese wollten über sich selbst bestimmen. Sie „durften“ Militärdienst leisten, „durften“ sich als billige Arbeitskräfte ausbeuten lassen – weshalb sollten sie dann nicht politisch aktiv werden dürfen? Andere wünschten eine gewisse Bevormundung der Jungen durch die Partei, waren doch Szenen wie die folgende nicht selten: „Ungeheuren Jubel löste es bei uns Jungburschen aus, als in einer Unionsversammlung der ‚schweizerische August Bebel’, der Führer der schweizerischen Sozialdemokraten, Herman Greulich, der langwallende graue Haare trug, in den Saal schrie: ‚Und wenn schon vor nichts anderem, so darf ich doch Achtung vor meinen grauen Haaren erwarten!’ worauf ihm prompt ein Jungbursche entgegenrief: ‚Ich habe noch keinen Esel gesehen, der keine grauen Haare hätte!’“ (Münzenberg 1930).
Trotz aller Eseleien kam 1913 ein Abkommen zwischen der SP Schweiz, dem Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) und der sozialistischen Jugendorganisation zustande. Die Jugendlichen wurden politisch enger an die beiden Organisationen gebunden, ihr organisatorischer Freiraum blieb jedoch erhalten. SP und SGB finanzierten die Jugendbewegung mit einem jährlichen Beitrag, und sie erhielten Vertretungsrecht in den Gremien. Als Gegenrecht entsandten die beiden je einen (stimmberechtigten!) Vertreter in den Zentralvorstand der Jugendorganisation.

Jugend, an die Front der Freiheit! Die Zeit zwischen 1919 und 1945

Die Zwischenkriegszeit

In Folge der innerlinken Auseinandersetzung während des Ersten Weltkriegs, als sich zahlreiche Sozialdemokraten auf die Seite ihrer jeweiligen Regierungen schlugen und den Krieg unterstützten, spaltete sich die sozialdemokratische Linke ab und gründete kommunistische Parteien. Als 1919 die Kommunistische Jugendinternationale gegründet wurde, erklärte die sozialdemokratische Jugendorganisation der Schweiz ihren Beitritt. Die Organisation nahm den Namen Kommunistischer Jugendverband der Schweiz (KJV) an. 1921 kam es auf schweizerischer Ebene zur Parteispaltung in SP und KP.
Erst 1922 nahm im Tessin wieder eine sozialdemokratische Jugendorganisation die Arbeit auf; die „Federazione Giovanile Socialista Ticinese“. Im italienischsprachigen Landesteil wurde die Bedrohung durch den aufkommenden italienischen Faschismus besonders stark empfunden. 1923 wurde die Sozialistische Arbeiterjugend (SAJ) gegründet. Mitte der 1920er Jahre schloss sich die SAJ mit anderen linken Jugendorganisationen zur Sozialistischen Jugend der Schweiz (SJS) zusammen. 1934 hatte die Organisation 2'500 Mitglieder und gab eine eigene Zeitung heraus, die Rote Jugend.
 

Arbeiterjugend in Zürich

Die grösste und aktivste Sektion der SJS war die SAJ Zürich, die Mitte der 1930er Jahre etwa 350 Mitglieder hatte, davon ungefähr ein Drittel Mädchen. Die SAJ war eine betont proletarische Organisation, deren Mitgliedschaft aus Lehrlingen, jungen ArbeiterInnen und Schülern bestand – nicht jedoch aus Studenten. Die damaligen Studierenden stammten fast ausschliesslich aus besserem Haus und standen politisch grösstenteils rechts, wenn nicht gar rechtsaussen.
Die SAJ Zürich gab eine eigene Zeitung heraus, das sprachrohr (später Rote Parole). Das Verhältnis der Jugendgruppe zur SP, von der sie finanzielle Unterstützung erhielten, war gut. 1928 hatte die SP die Mehrheit im Stadt- und Gemeinderat erkämpft, welche sie bis 1938 halten konnte. Auch die SAJ war stolz auf die Verdienste des sogenannten „Roten Zürich“, beispielsweise auf die günstigen Wohnungen in den vielen neu erbauten Genossenschaftssiedlungen. Dennoch führte die Regierungsbeteilung der SP zu regelmässigen Diskussion über die „richtige sozialistische Linie“.

Krise und Arbeitslosigkeit

Die heftige Wirtschaftskrise der 1930er Jahre prägte auch die Jugendorganisation. Ihr Einsatz galt dem Lehrlingsschutz und dem Kampf gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit. In der Roten Jugend vom Februar 1931 war damals folgender Bericht zu lesen: „Ich habe im Mai ausgelernt und bin vom Meister auf die Strasse gesetzt worden, damit er einen andern Lehrling einstellen konnte. [...] Ich bin arbeitslos! Was soll ich tun? [...] Endlich kann ich für 14 Tage aushilfsweise arbeiten, dann bin ich wieder arbeitslos. [...] Ich gehe stempeln und beschäftige nebenbei zwei Stellenvermittlungen. Endlich kann ich mich in einer Bude vorstellen. [...] Der Besitzer des Geschäfts sagt: Sie sind zu jung. Wenn Sie ein oder zwei Jahre Praxis hinter sich haben, können Sie wieder kommen.“ Viele JungsozialistInnen hofften jedoch, dass die Krise den Zusammenbruch des Kapitalismus einleiten und dem Sozialismus den Weg bereiten werde. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt, im Gegenteil: Faschismus und Krieg überzogen Europa.

Widerstand gegen Faschismus und Fronten

Die SAJ betrachtete sich als konsequent antimilitaristisch. Der Krieg diente ihrer Meinung nach ausschliesslich kapitalistischen und imperialistischen Interessen. Gleichzeitig befürworteten die sozialistischen Jugendlichen die Landesverteidigung gegen Faschismus und Nationalsozialismus. Einige der Mitglieder der SAJ gingen nach Spanien, wo sie in den Internationalen Brigaden gegen die Truppen Francos kämpften.
In Zürich kam es immer wieder zu Zusammenstössen zwischen Linken und Frontisten, bei denen auch SAJ-Mitglieder involviert waren. Die Jugendorganisation besass damals ein eigenes Ordnercorps zur Schutz ihrer Veranstaltungen. Denn trotz des sozialdemokratischen Polizeivorstehers stand die Polizei zeitweise auf Seiten der Rechtsextremen. In ihrer Zeitschrift Sprachrohr schrieben die JungsozialistInnen im März 1934 dazu: „der stadtrat von zürich beabsichtigt, ‚unser’ polizeicorps wieder um 40 mann zu verstärken. es wäre interessant, zu wissen, aus welchen sozialistischen gründen die rote stadtverwaltung zu diesem entschluss kommt. […] welchen schutz wir von der polizei zu erwarten haben, sahen wir bei der ersten fröntlerversammlung in der stadthalle, wo wir von den nazis mit stahlruten verprügelt wurden, und die polizei nicht eingriff.“ Eng mit dem Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus verbunden waren die Bemühungen um eine Einheitsfront: Sozialdemokraten und Kommunisten sollten sich zusammenschliessen, um gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen. Leider kam es kaum je zu einem konzertierten Vorgehen, zu zerstritten waren die beiden Parteien.

Krieg und Militär

Rekrutenschule und Militärdienst wurden fast ausschliesslich negativ beurteilt. So hiess es in der Roten Jugend vom August 1928: „Der ganze Dienst ist [...] eine von Selbsttäuschung und Stumpfsinn strotzende Zwängerei, an der nur noch eine gewisse Offiziersclique ihre Freude hat.“ 1930 sollte die Rekrutenschule verlängert werden. Dazu schrieb die Rote Jugend im April 1930: „Das grauenhafte Erlebnis des Weltkrieges ist diesen Herrschaften ganz verloren gegangen. Sie haben ja auch keine Not gespürt. Während diejenigen Menschen, die aus dem furchtbaren Menschenmorden etwas gelernt haben, nach Frieden und Freiheit sich sehnen, ihr Gewissen gegen neues Morden sich auflehnt, schreit eine gewissenlose Offizierskaste und ihr Anhang nach Aufrüstung, nach Kampfflugzeugen, Gas, Maschinengewehren und nach längerer militärischer Ausbildung.“ Die Armee wurde immer wieder auch im Innern eingesetzt, so am 9. November 1932 in Genf, als das Militär in eine Menschenmenge schoss, die gegen eine faschistische Versammlung protestierte. Es gab 13 Tote und 70 Verwundete. Am Jugendtag der sozialistischen Jugend in Biel 1933 wurden fast 2'500 Mann gegen 1'500 Jugendliche aufgeboten, wobei es jedoch zu keinen Zwischenfällen kam.

Gleichberechtigung

Seit 1911 konnten auch Mädchen Mitglieder der sozialistischen Jugend werden. Das Thema der Gleichberechtigung von Frauen und Männern wurde in der Jugendbewegung immer wieder rege diskutiert. Doch auch in den 1930er Jahren war der Weg hin zur gesetzlichen und politischen Gleichberechtigung noch weit. Die Mädchen kritisierten die „falsche einstellung der burschen“, ärgerten sich aber auch über mangelnden eigenen Mut, wie im sprachrohr von August 1934 zu lesen ist: „den mädels klopft das herz. Sie möchten, ach wie lange schon, an versammlungen, wenigstens in der diskussion reden können. gar oft verfluchten sie schon bei sich selbst die ewige angst vor dem steckenbleiben, und doch wagen sie es nicht. und die burschen reden immer, als ob es ihnen angeboren wäre.“

Bundesrat verbietet sozialistische Jugend

In den Jahren von Krise und Faschismus bemühte sich die sozialistische Jugend um die Aufrechterhaltung der internationalen Beziehungen. Die Jugendorganisation war Mitglied der sozialistischen Jugendinternationalen, 1929 nahmen am internationalen Jugendtreffen in Wien 1929 50'000 JungsozialistInnen aus ganz Europa teil.
In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg näherten sich die Jungsozialisten der Westschweizer Fédération socialiste suisse an, die den Kommunisten nahestand und den Nichtangriffspakt zwischen Hitler und Stalin positiv beurteilte – ein Pakt, der anderswo in Europa, nicht zuletzt bei der Linken, Erstaunen und Entsetzen hervorrief. In Zürich scheint die SAJ Ende der 1930er Jahre die Fusion mit dem kommunistischen Jugendverband vollzogen zu haben. Die SJS kündigte in Folge die Abkommen mit der SP Schweiz, worauf die SP mit dem Aufbau einer neuen Jugendorganisation begann. 1942 wurde die SJS zusammen mit anderen linken und kommunistischen Gruppierungen vom Bund verboten. Gemäss dem Protokoll des ordentlichen Parteitags der SP Schweiz vom 4. und 5. September 1943 beeinträchtigte dieses Verbot auch die Arbeit der neuen SP-Jugendorganisation: „Während mehr als zweieinhalb Jahren war die schweizerische Arbeiterjugend durch das Verbot einer legalen Jugendorganisation beraubt.“ Aus den vorhandenen Quellen lässt sich jedoch schliessen, dass es auch während der ersten Hälfte der vierziger Jahre mehr oder weniger durchgehend eine sozialdemokratische Jugendorganisation existierte.

... eine neue, eine sozialistische Schweiz! Die Zeit zwischen 1945 und 1970

Einige Zahlen und Fakten

Wie wir gesehen haben, gab es auch während des Zweiten Weltkrieges keinen grösseren Unterbruch in der Arbeit der sozialistischen Jugendorganisation. Für die Zeit unmittelbar nach dem Krieg ist die Quellenlage jedoch sehr dünn. Wie den Geschäftsberichten der SP Schweiz zu entnehmen ist, wurde die Sozialistische Jugend der Schweiz zu Beginn der 1950er Jahre in „Sozialdemokratische Jugend“ (SDJ) umgetauft. Niemand wollte sich zu den heissen Zeiten des kalten Krieges vorwerfen lassen, er stehe nicht fest auf demokratischem Boden.
Die SDJ hatte in den 1950er Jahren ungefähr 800 bis 1'200 Mitglieder. Sechs- bis zwölfmal jährlich wurde die Publikation „Neue Schweiz“ herausgegeben. Wie alle ihrer Vorgängerorganisationen war auch die sozialdemokratische Jugend international vernetzt: Sie war Mitglied der 1946 neu gegründeten International Union of Socialist Youth (IUSY), der Nachfolgeorganisation der Sozialistischen Jugendinternationalen.

Helmut Hubacher über lahme Enten
Helmut Hubacher, früherer Präsident der SP Schweiz und Alt-Nationalrat, zum Verhältnis von SP und Jugendorganisation in den 1950er und 60er Jahren: „Hauptthema war die SP, die wir als lahme Ente einschätzten. Wir hatten zu ihr eine Art Hass-Liebe, das heisst: viel Kritik und grosse Anhänglichkeit.“

Wichtigstes Thema für die SDJ war weiterhin die Situation der Lehrlinge und der jugendlichen ArbeitnehmerInnen. Die Organisation setzte sich für die Vierzigstundenwoche sowie für drei Wochen bezahlter Ferien für Lehrlinge ein. Daneben beschäftigte man der Bildung der Mitglieder und engagierte sich in den aufkommenden Jugendparlamenten. Die sozialdemokratischen Jugendlichen kämpften für das Frauenstimmrecht und kritisierten die Verhältnisse in der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten. Unterstützungskampagnen für politische Häftlinge wurde durchgeführt, so beispielsweise für Anna Kéthly, eine verfolge sozialdemokratische Parlamentarierin aus Ungarn. Daneben schloss die SDJ sich den Kampagnen der IUSY gegen die Diktatur Francos in Spanien an.

Von den Jugendparlamenten zur 68er-Bewegung

1961 wurde die Vereinigung Junger Sozialdemokraten (VJS) gegründet. Diese entstand aus den sozialdemokratischen Fraktionen der Jugendparlamente und kann als Vorläuferin der heutigen JUSO betrachtet werden. Die VJS löste, soweit sich dies den Quellen entnehmen lässt, nach und nach die SDJ als offizielle Jugendorganisation der SP ab. Doch allzu lange sollte sich die neue Organisation nicht halten können. Alfons Fischer beschreibt in seiner Geschichte der Jungsozialisten in den Siebzigerjahren (Bern 1983), wie sich die 68-er-Bewegung an der VJS vorbei entwickelte: „Mit der Repolitisierung der Jugend seit Mitte der Sechzigerjahre und hauptsächlich ab 1968 wurde der VJS das Lebenslichtlein ausgeblasen. Nicht etwa, dass die Organisation politisch angegriffen worden wären, die (wieder) politische interessierte Jugend agitierte einfach vollständig an der SP-Nachwuchsorganisation vorbei […].»

... keine Partei, sondern eine Hoffnung. Die Zeit ab 1971

Neubeginn

Nachdem die VJS Anfang der 1970er Jahre so gut wie aufgehört hatte zu existieren, wurde die Organisation 1971 in „Schweizerische Jungsozialisten“ umbenannt. 1972 wurden der Wiederaufbau der Organisation und die Klärung des Verhältnisses zur SP Schweiz an die Hand genommen. Erst Ende der 1970er Jahre wurde der erste Zentralsekretär fest angestellt; bis dahin waren die Sekretariatsarbeiten ehrenamtlich verrichtet worden. Dafür gab es von 1971 bis 1983 einen JUSO-Präsidenten. Von 1970 bis 1983 war dies Andi Gross, heute SP-Nationalrat. Auf Gross folgte ein Co-Präsidium von drei Personen.

Einige Zahlen und Fakten

Die Strukturen, die die JUSO heute kennt, stammen grösstenteils aus dem Jahr 1991, dem „Jahr der neuen JUSO“: Der damalige Vorstand sowie das Co-Präsidium wurden durch eine Geschäftsleitung ersetzt, welche bereits damals die Ressorts Medien/Werbung, Internationales, Kontakte mit der SP Schweiz, Finanzen, Bildung und inländische Kontakte umfasste. Die damalige Vollversammlung wurde inzwischen von einer Delegiertenversammlung abgelöst, was in der Praxis jedoch keine grosse Veränderung mit sich gebracht hat.
Seit ihrer Gründung hatte und hat die JUSO jeweils zwischen 500 und 1'000 Mitgliedern. Frauen stellen ungefähr einen Drittel der Mitgliedschaft. Die JUSO finanziert sich vor allem aus den Beiträgen der SP und Subventionen des Bundes sowie aus Mitgliederbeiträgen.

Öffentlichkeitsarbeit

Die JUSO versuchte regelmässig, mit Themen und Positionen an die Öffentlichkeit zu treten. JUSOs nehmen an Demonstrationen teil, verteilen Flugblätter oder sammeln Unterschriften für Initiativen und Petitionen. Wie alle aktiven JUSOs wissen, ist das (mediale) Echo oft klein, der Elan jedoch ungebrochen. Ein weiteres Element der JUSO-Öffentlichkeitsarbeit ist die seit 1971 erscheinende Zeitschrift Infrarot. Die Publikation erschien zweimonatlich und war noch bei meinem Eintritt in die JUSO 1994 ein relativ umfangreiches, thematisch relevantes Heft, das auch von Leuten ausserhalb der JUSO gelesen wurde. In der Zwischenzeit hat das Infrarot das damalige „VV-Info“, mit dem zu den Vollversammlungen eingeladen wurde, abgelöst und umfasst nur mehr ein knappes Dutzend Seiten.

Immer wieder: Das Verhältnis zur Mutterpartei

Die JUSO ist in den Gemeinden, Kantonen sowie auf nationaler Ebene die offizielle Jugendorganisation der SP. Die JungsozialistInnen sind in den Gremien der Sozialdemokratischen Partei vertreten und haben Anrecht auf finanzielle Unterstützung. Doch die Kritik an der Mutterpartei war auch mit der Neugründung der JUSO 1971 nicht verstummt, im Gegenteil. Immer wieder kritisierten die JUSOs die Überbewertung der parlamentarischen Arbeit. So hiess es im JUSO-Rotbuch aus den 1980er Jahren: „Es ist unserer Meinung nach genauso falsch zu glauben, Bewegungen allein könnten diese Gesellschaft demokratisch umbauen, möglicherweise sogar gegen die staatlichen Institutionen, wie es falsch ist zu glauben, das Vertretensein zum Beispiel in Parlamenten reiche zur Veränderung dieser Gesellschaft aus.“ In diesem Zusammenhang sind auch die wiederholten kritischen Stellungnahmen der JUSO zur Regierungsbeteiligung der SP zu sehen. Nach der Wahl von Christoph Blocher im Dezember 2003 forderte die JUSO den Austritt der SP aus dem Bundesrat.

Armeeabschaffung, Lehrstellen und Antirassismus

Bezeichnenderweise lassen sich die beiden Themen, welche die Arbeit der Jugendorganisation seit hundert Jahren prägen, auch in der Themenvielfalt ab 1971 als zentrale Aspekte ausmachen: Nicht erst seit der Rezession der 1990er Jahre kämpft die JUSO gegen Lehrstellenmangel und Jugendarbeitslosigkeit. So war die Organisation massgeblich mitbeteiligt an der Lancierung der Lehrstelleninitiative LIPA, welche 2003 vom Volk verworfen wurde. Jedoch stossen einige der dort vorgeschlagenen Ideen, beispielsweise die Einrichtung eines Berufsbildungsfonds, in immer mehr Kantonen auf offene Ohren. Ein anderes zentrales Thema war und ist der Antimilitarismus. Zu Beginn der 1980er Jahre entstand aus der JUSO heraus die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee, die 1989 mit ihrer Armeeabschaffungsinitiative zwar Schiffbruch erlitt, jedoch grundlegende Weichen für die Reform und Verkleinerung der Schweizer Armee stellte. In den 1990er Jahren unterstützte die JUSO die Initiative „40 Waffenplätze sind genug“ sowie das Volksbegehren gegen den Kauf neuer Kampfflugzeuge. JUSOs protestierten gegen den Golfkrieg und gegen die französischen Atomtests im Südpazifik: „Lieber Champignons als Atompilze!“ war das Motto.
Neben diesen „grossen“ Themen vertrat die JUSO auch weniger prominente jugendspezifische Anliegen: 1993 lancierte man die „Pro-Interrail-Petition“, die dazu beitrug, dass das populäre Interrail-Angebot für Jugendliche erhalten werden konnte. Ein Thema, das in Folge der 1968er-Bewegung eine breite Basis fand, war die Solidarität mit der Dritten Welt. Damit verbunden war der Kampf gegen Rassismus und Ausgrenzung in der Schweiz. Immer wieder führte die JUSO Aktionen durch, in denen die Machenschaften internationaler Konzerne angeprangert und die Ausbeutung der Menschen in den Entwicklungsländern kritisiert wurden. JungsozialistInnen engagieren sich für das AusländerInnenstimmrecht, für den Ausbau der Entwicklungshilfe und gegen die Verschärfungen in der offiziellen Asyl- und Ausländerpolitik. Auch weitere Themen, so die Gleichstellung der Geschlechter oder der Umweltschutz, haben seit den 1970er Jahren an Aktualität gewonnen. Die JUSO kämpfte und kämpft gegen den zunehmenden Verkehr, gegen die Umweltbelastung und die Verschlechterung der Lebensqualität. 1994 wurde eine Jahreskampagne unter dem Motto „Rückeroberung von Lebensräumen“ durchgeführt. Unter Mitwirkung von JUSOs wurden Organisationen wie ZAF! (Zürich autofrei) gegründet, die sich für die Schaffung autofreier Zonen in den Städten einsetzten. Ein Thema, dass in den JUSO-Unterlagen erst Ende der 1980er Jahre auftaucht, ist die Europafrage. Die JUSO sprach sich zwar immer grundsätzlich für einen EU-Beitritt aus, hält jedoch an ihren kritischen Stellungnahmen zu Struktur und politischer Entwicklung der EU fest.

Krach in der JUSO

Die aufgezählte Themenvielfalt und das grosse Spektrum an Aktionsformen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in der JUSO immer wieder zu grösseren Meinungsverschiedenheiten kam. Sowohl die Themenwahl als auch Weg zur Erreichung der gesetzten Ziele waren oft Gegenstand harter Auseinandersetzungen. So stellte beispielsweise die Lancierung der Armeeabschaffungsinitiative die JUSO vor eine Zerreissprobe: Die Differenzen zwischen den einzelnen Sektionen waren gross, und längst nicht alle Mitglieder befürworteten die Abschaffung der Armee.
Gegen Mitte der 1990er Jahre verschärfte sich der Konflikt zwischen dem „reformistischen“ und dem „marxistischen“ Flügel, wie sich die ExponentInnen selbst bezeichneten. Im Jahresbericht von 1993 heisst es dazu: „Beide Gruppen arbeiteten und feilten an je einem Grundsatzpapier, welches ihren Positionen gerecht werden sollte. Die beiden Papiere wurden an einer Tagung den interessierten JUSOs vorgestellt und diskutiert. Hintergründe wurden aufgezeigt und nach Mittelwegen gesucht. Diese zu finden, zeigte sich aber als immer unwahrscheinlicher.“ An einer ausserordentlichen Jahresversammlung wurde entschieden, welches der beiden Papiere als Vorlage für das neue Grundsatzpapier dienen sollte. Die JUSOs entschieden sich klar für das „reformistische“ Papier, worauf einige Mitglieder der Geschäftsleitung per sofort zurücktraten. Die Flügelkämpfe flauten daraufhin ab, nicht jedoch ohne sich ab und zu – auch im neuen Jahrtausend – wieder zu regen.

Rebekka Wyler, Historikerin, Zürich
Dieser Artikel erschien im Buch zur 100 Jahr Feier der JUSO Schweiz „100 Jahre Sozialistische Jugend“ im Verlag der JUSO Schweiz.

Letzte Aktualisierung ( Freitag, 23. Januar 2009 )
 
 
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